Naima El Hawary erinnert sich noch gut daran, wie sie ihre erste Digitalkamera überallhin mitnahm. Sie bekam sie mit fünf Jahren. Einige ihrer damaligen Bilder liegen heute neben den Fotos, die ihre eigene Kindheit dokumentieren. Die Kamera half ihr, die Welt zu erkunden: heranzuzoomen, Neues zu entdecken und Dinge wahrzunehmen, die ihr mit bloßem Auge entgangen waren.
Auch die viel größere Spiegelreflexkamera ihrer Mutter faszinierte sie, obwohl sie sie kaum halten konnte. Später wurde ihr Alltag voller und vertrauter, und die Fotografie rückte in den Hintergrund. Sie fotografierte vor allem auf Reisen, wenn das Unbekannte es ihr leichter machte, genau hinzusehen.

Von Reisefotografie zu bekannten Orten
Vor einigen Jahren begann sich das zu ändern. Naima wollte auch Bekanntes neu fotografieren: vertraute Orte festhalten und zeigen, wie sie sie sieht. Das Fotografieren auf Film wurde Teil dieser wiederentdeckten Neugier.
Reisen sind ihr weiterhin wichtig. Sie reist, um zu fotografieren, ebenso wie sie fotografiert, um sich an eine Reise zu erinnern. Architektur, Gebäude und Muster, die im alltäglichen Durcheinander verborgen liegen, bleiben wichtige Motive. Doch um die Kamera mitzunehmen, muss sie inzwischen nicht mehr unbedingt an einem neuen Ort sein.


PolaWalk: gemeinsam neu sehen lernen
Naima nahm an PolaWalk teil, weil sie Anschluss an eine Fotografie-Community suchte. Sie wollte erfahren, wie andere die Welt sehen und festhalten und welche neuen Möglichkeiten deren Herangehensweisen ihr selbst eröffnen könnten.
Das gemeinsame Erlebnis war ihr ebenso wichtig wie die Ausrüstung. Zusammen Ideen auszuprobieren schuf Raum für Experimente, an die sie sich allein vielleicht nicht gewagt hätte. Ihr liebstes Polaroid des Spaziergangs entstand fast nebenbei. Sie erinnert sich, es länger als beabsichtigt in der Sonne gelassen und anschließend einen unerwarteten Effekt entdeckt zu haben. Gerade das, was zunächst wie ein verdorbenes Bild hätte wirken können, fand sie nun interessant.

Das ist ein kleines Beispiel für einen größeren Wandel in ihrer Fotografie: Das fertige Foto muss nicht immer dem Bild entsprechen, das sie sich vor dem Auslösen vorgestellt hat.

Wenn das Unerwartete das Bild ausmacht
Mit der Spiegelreflexkamera war Naima daran gewöhnt, nach dem perfekten Ergebnis zu suchen. Sie konnte eine Aufnahme wiederholen, Einstellungen ändern und es erneut versuchen. Ihren Erfolg maß sie daran, wie nah das Bild an ihre Vorstellung herankam. Durch die analoge Fotografie lockerte sich dieser Anspruch. Je weniger makellos ein Bild sein musste, desto mehr Freude machte ihr das Fotografieren.

Eine Aufnahme vom Roten Meer verdeutlicht diesen Wandel besonders gut. Auf einem Steg versuchte sie mehrere Minuten lang, einen Schwimmring zu fotografieren, und wartete auf den passenden Winkel und das richtige Licht. Genau als sie auslöste, griff jemand nach dem Seil des Rings.

Gerade diese Unterbrechung machte das Foto für sie interessant. Innerhalb einer sorgfältig geplanten Bildkomposition hielt es etwas fest, das sie nicht inszeniert hatte. Solche unvorhersehbaren Momente zuzulassen macht die Fotografie für Naima spannender, ohne dass sie deshalb weniger bewusst fotografiert.
Eine Kamera, die sie im Augenblick ankommen lässt
Fotografie kann Naima helfen, die Gegenwart intensiver wahrzunehmen. Wenn sie im Alltäglichen nach etwas Außergewöhnlichem sucht, bemerkt sie genauer, was um sie herum geschieht. Manchmal scheint die Kamera dabei fast zu verschwinden: Dann hat sie das Gefühl, einen gemeinsamen Moment festzuhalten, ohne aus ihm herauszutreten.

Enge Freunde, Menschen, die sie bewundert, und kreative Orte werden immer wieder zu ihren Motiven. Mit diesen Bildern teilt sie ihre Verbundenheit – sie dokumentiert nicht nur, wie etwas aussah.

Mit einem anderen Blick nach Deutschland zurückkehren
Nach mehreren Jahren außerhalb Deutschlands ist Naima vor Kurzem nach Berlin gezogen. Sie lernt die Stadt und das Land noch einmal neu kennen. Dabei versucht sie zu verstehen, was sich verändert hat und wo ihr Platz in einer vertrauten Umgebung heute ist.
Berlin zu fotografieren ist Teil dieses Prozesses. Während sie die Stadt kennenlernt, entdeckt sie auch, wie sich ihr eigener Blick verändert hat. Vertrautheit bedeutet nicht mehr, dass es nichts zu entdecken gibt. Sie kann vielmehr eine neue Sichtweise ermöglichen.

Als Nächstes möchte Naima dem Alltäglichen mehr Zeit widmen. Bisher folgte ihre Fotografie häufig dem Neuen, Aufregenden oder Außergewöhnlichen. Nun interessieren sie stärker die Lebenswirklichkeit und die Gefühle in ihrer unmittelbaren Umgebung. Das Fotografieren auf Film hat sie dazu gebracht, jede Aufnahme bewusster zu gestalten. Zugleich hat es ihr eine Freude zurückgegeben, die sie aus ihrer Kindheit kennt: im Hier und Jetzt etwas zu finden, das einen zweiten Blick verdient.
Entdecke Naimas Fotografie auf Instagram, @travelhawary.
Fragen aus dem Interview
Warum nahm Naima an PolaWalk teil?
Sie suchte eine Fotografie-Community und wollte erfahren, wie andere Menschen sehen. Der Austausch von Ideen ermutigte sie, Dinge auszuprobieren, auf die sie allein vielleicht nicht gekommen wäre.
Was erkundet Naima mit ihren Berlin-Fotos?
Seit ihrer Rückkehr nach Deutschland nutzt sie die Fotografie, um die Stadt und ihre eigene Beziehung zu ihr besser zu verstehen. Neben den Reisefotos, die sie weiterhin gern macht, möchte sie sich mehr Zeit für alltägliche Orte und Gefühle nehmen.
Sollte ein Polaroid während der Entwicklung dem Sonnenlicht ausgesetzt werden?
Polaroid empfiehlt, ein neu ausgeworfenes Foto während der Entwicklung vor starkem Licht zu schützen. Naima beschreibt ihre Reaktion auf ein unerwartetes Ergebnis. Aus ihrem Bericht lässt sich jedoch nicht ableiten, wodurch jede einzelne Spur auf diesem Bild entstanden ist.
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Auch Camille Charlier erzählt davon, im eigenen Alltag häufiger eine Kamera mitzunehmen und einen nicht ganz gelungenen Film neu zu betrachten. Lies dazu Camille Charlier über das Fotografieren in Berlin und das Loslassen der eigenen Bildvorstellung.
Basierend auf einem schriftlichen Interview für Developing Stories, der Serie von Berlin Photo Studio über die Menschen und Erfahrungen hinter Fotografien. Interview und Redaktion: Emiliano Vittoriosi / Berlin Photo Studio.