Developing Stories — anton sheyn: Sich im Alltag wiederfinden

A man standing beside a pale blue car at the edge of trees.

Die Fotografie war für anton sheyn zunächst kein fest eingeplanter Weg. Kurz vor dem Abschluss hatte er sein Medizinstudium abgebrochen und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Einen Monat später schenkte ihm ein Freund eine Olympus mju II mit defektem Blitz. Er nahm sie mit auf eine Europareise und kam mit Aufnahmen zurück, deren Bildaufbau und Schärfe er selbst wenig gelungen findet. Perfekt waren die Ergebnisse nicht. Doch als die ersten Scans per E-Mail eintrafen, wollte er weitermachen.

Aus dieser Neugier heraus nahm er eine Kamera wieder zur Hand, die er schon lange besaß. Sein Onkel, der in einem Fotolabor gearbeitet hatte, hatte ihm im Alter von fünf Jahren eine Lubitel 166b geschenkt. Mit ihren zwei gläsernen Augen und ihrer ungewohnten Form war sie für ihn als Kind eher ein Spielzeug als ein Werkzeug. Rund zwanzig Jahre lag sie unbenutzt herum, bevor Anton herausfinden wollte, wie sie funktioniert.

Ein Mann steht neben einem hellblauen Auto am Waldrand.
Eduard, Riga, September 2018. Foto von anton sheyn.

Zwei gelungene Aufnahmen reichten

Um mit der Lubitel zu fotografieren, musste Anton die Grundlagen von Blende und Belichtung lernen und sich mit einem Sucher vertraut machen, der ihm früher rätselhaft erschienen war. Von den zwölf Aufnahmen seines ersten Films waren nur zwei einigermaßen richtig belichtet. Das genügte ihm als Ansporn.

Seine Geschichte zeigt, dass ein Anfang weder mühelos noch beeindruckend sein muss. Als ein anderer Lebensweg zu Ende gegangen war, gab ihm die Fotografie etwas Neues zu entdecken. Die Kamera musste nicht erst einen rundum gelungenen Film liefern, um für ihn wichtig zu werden.

Straßenfotografie auf dem Weg zur Arbeit

Anton stammt aus Riga und lebt seit 2023 in Berlin. Inzwischen begleitet ihn die Kamera durch den Alltag. Zugfahrten und das Warten am Bahnsteig bieten regelmäßig Gelegenheiten zum Fotografieren. Ihn ziehen Orte an, an denen Menschen zusammenkommen: Bahnhöfe, Flohmärkte und Terrassen. Ebenso interessieren ihn flüchtige Konstellationen aus Licht, Spiegelungen und Formen.

Menschen als Silhouetten vor hellen Fenstern in einem dunklen Innenraum.
Aufnahme aus einem Zug, Berlin, August 2025. Foto von anton sheyn.

Manchmal fotografiert er aus der Hüfte oder ohne durch den Sucher zu schauen. Gelegentlich experimentiert er mit längeren Belichtungszeiten. So versucht er, beim Fotografieren weniger bewusst zu steuern; das bedeutet nicht, dass ihm Technik unwichtig wäre. Technisches Können und Bildgestaltung schätzt er ausdrücklich. Im Moment möchte er jedoch vor allem dem Impuls zum Auslösen vertrauen, ohne ihn vorher erklären zu müssen.

Eine Person im Schatten neben einer Bahnhofstreppe unter einer Hochbahn.
Silhouette am U-Bahnhof, Berlin, Juli 2025. Foto von anton sheyn.

Er nennt das „zero control“, also den Verzicht auf Kontrolle. Damit beschreibt er, wie sich Fotografieren für ihn anfühlen soll: offen und mit Freude, ohne schon vorher festlegen zu müssen, ob ein Bild gut genug sein wird.

Eine Person steht auf einem sonnenbeschienenen Bürgersteig vor einem Gebäude.
Straßenaufnahme ohne Blick durch den Sucher, Berlin, Februar 2026. Foto von anton sheyn.

Menschen, die auf seinen Bildern wiederkehren

Enge Freunde tauchen immer wieder in seinen Bildern auf, auch wenn er sie seit dem Umzug nach Berlin seltener fotografiert. Bei Besuchen in Riga kommen neue Aufnahmen vertrauter Menschen und Stadtviertel hinzu. Daneben hat er ein weiteres wiederkehrendes Motiv entdeckt: Menschen, die vor großen Hausfassaden winzig wirken oder in Fenstern und auf Balkonen auftauchen.

Eine kleine sitzende Figur liest neben einem großen, hellen Gebäude.
Eine Frau liest im Freien, Riga, Juli 2021. Foto von anton sheyn.
Zwei Personen an benachbarten offenen Fenstern an einer gelben Fassade.
Mann am Fenster und rauchende Frau, Berlin, September 2026. Foto von anton sheyn.

Manche Aufnahmen gewinnen an Bedeutung, weil es schwierig wird, an den Ort zurückzukehren. Im Februar 2020 besuchte Anton seine Tante und seinen Onkel in Dnipro. Er kannte die Stadt aus den Sommern seiner Kindheit, war als Erwachsener aber noch nicht wieder dort gewesen. Beim Fotografieren der industriell geprägten Umgebung entdeckte er einen vertrauten Ort aus einer neuen Perspektive. Nach der Pandemie und dem späteren großflächigen Krieg haben diese Bilder für ihn ein Gewicht bekommen, das er bei der Aufnahme nicht absehen konnte.

Ein älterer Mann steht unter großen oberirdischen Rohrleitungen neben Wohnhäusern.
Dnipro, Februar 2020. Foto von anton sheyn.

Was aus dem Labor zurückkommt

Anton mag den zeitlichen Abstand zwischen der Aufnahme und dem Eintreffen der Scans. Bleibt ein Film länger in der Kamera, hat er manchmal schon vergessen, was er darauf fotografiert hat. Auf 36 Bildern können Menschen, Orte und Ereignisse zusammenkommen, die im Alltag weit voneinander entfernt sind.

Ein beschädigter Film veränderte auch seinen Blick auf das Material. Als der Film beim Zurückspulen riss, versuchte er in mehreren Anläufen im abgedunkelten Badezimmer, ihn wieder in die Patrone zu bekommen. Dabei bekam er Kratzer und Knicke. Anton rechnete damit, ihn ruiniert zu haben, doch auf den fertigen Bildern gefielen ihm diese Spuren. Die Erfahrung lehrte ihn Geduld und machte ihm bewusst, dass nicht nur die Belichtung, sondern auch die physische Behandlung des Materials ein Foto prägt.

Ein Mann in einer roten Jacke, durchzogen von sichtbaren Linien und Markierungen auf dem Film.
Andrey, Riga, März 2020 – zerkratzter und geknickter Film. Foto von anton sheyn.

Er beschreibt damit ein Ergebnis, das ihm etwas bedeutet, und keine Methode, die er zur Nachahmung empfiehlt. Geblieben ist ihm die Überraschung, dort etwas Bewahrenswertes zu finden, wo er einen Fehlschlag erwartet hatte.

Selbstporträts und ein visuelles Tagebuch von Berlin

Anfangs fühlte sich Anton von Berlin überwältigt. Das ständige Treiben und die Vielfalt eröffneten mehr Möglichkeiten, als er zu nutzen wusste. Mit der Zeit fiel es ihm leichter, auf der Straße zu fotografieren, sich an Nachtaufnahmen zu versuchen und aus einem zufälligen Gespräch mit einem fremden Menschen ein Porträt entstehen zu lassen.

Eine beleuchtete Ladenfront und geparkte Fahrräder spiegeln sich nachts auf einer nassen Straße.
Regnerischer Abend in Kreuzberg, Berlin, September 2026. Foto von anton sheyn.

Im Winter vor diesem Interview begann er, auf jedem Film ein oder zwei Selbstporträts aufzunehmen. Dafür reichen ihm manchmal ein ausrangierter Spiegel, eine Fensterscheibe oder sein eigener Schatten. Er versteht das weniger als klar umrissenes Projekt denn als visuelle Erinnerungen: eine Möglichkeit, seinen Platz in der Stadt zu finden.

Ein Fotograf spiegelt sich in einem zerbrochenen Spiegel wider, der neben einer Wand steht.
Selbstporträt, Berlin, September 2026. Foto von anton sheyn.

Als Nächstes möchte er mehr über Filmentwicklung und Scannen lernen, mit Studiolicht arbeiten und sich an dokumentarischen Projekten oder einem kleinen Zine versuchen. Diese Pläne wachsen aus einer Gewohnheit, die längst zu seinem Alltag gehört: die Kamera einfach mitzunehmen. Bahnhöfe, Fenster und ausrangierte Spiegel lassen den jeweiligen Tag Teil eines fortlaufenden visuellen Tagebuchs werden.

Entdecke anton sheyns visuelles Tagebuch auf Instagram, @sviterkolit.

Fragen aus dem Interview

Wie begann anton sheyn mit der analogen Fotografie?

Nachdem er sein Medizinstudium abgebrochen hatte, schenkte ihm ein Freund eine Olympus mju II mit defektem Blitz. Später nahm er die Lubitel 166b wieder zur Hand, die er als Kind von seinem Onkel bekommen hatte. Zwei einigermaßen richtig belichtete Aufnahmen auf einem seiner ersten Filme ermutigten ihn, weiterzulernen.

Plant er seine Straßenfotos im Voraus?

Zurzeit folgt er lieber dem, was ihm unterwegs und auf dem Arbeitsweg auffällt. Technisches Können ist ihm wichtig. Er möchte aber auch Raum für Intuition, zufällige Begegnungen und Bilder lassen, die er vor der Aufnahme noch nicht erklären kann.

Wie nimmt sein visuelles Berlin-Tagebuch Gestalt an?

Neben Straßen, Freunden und Menschen im Rahmen von Gebäuden nimmt er auf jedem Film ein oder zwei Selbstporträts auf. Spiegelungen in Fenstern, ausrangierte Spiegel und Schatten helfen ihm, sich selbst in der Stadt zu verorten, die er gerade kennenlernt.

Weiterlesen

Eine andere Herangehensweise an die Straßenfotografie, die aus wiederholten Spaziergängen entsteht, findest du im Beitrag Grégoire Huret über das Gehen, den Zufall und die Rückkehr auf die Straße.

Basierend auf einem schriftlichen Interview für Developing Stories, der Serie von Berlin Photo Studio über die Menschen und Erfahrungen hinter Fotografien. Interview und Redaktion: Emiliano Vittoriosi / Berlin Photo Studio.

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