Ein Gesicht bewegt sich während der Belichtung. Statt eines einzigen Ausdrucks hält das Foto eine Bewegungsspur fest: eine Gegenwart, die zugleich aufzutauchen und zu verschwinden scheint. Diese Ungewissheit ist für Luca Mazzara ein Grund, immer wieder mit Langzeitbelichtungen zu arbeiten. Er möchte sehen, was geschieht, wenn Zeit selbst zum Teil des Motivs wird.
Mazzara ist Fotograf und Filmemacher; seine jüngsten Langzeitbelichtungen entstehen digital. Seine ersten Begegnungen mit der Fotografie fanden jedoch in der Dunkelkammer seines Vaters statt. Er erinnert sich an Rotlicht, Schalen und Negative und an die Faszination, ein Bild entstehen zu sehen. Sein Vater experimentierte auch mit Abzügen auf Metall und Stoff. So lernte Mazzara Fotografie als etwas kennen, das sich herstellen, anfassen und verändern lässt.

Von der Dunkelkammer zum Dachatelier
Seine erste Kamera war eine Polaroid 500, mit der er Freunde und Mitschüler fotografierte. Später folgte eine digitale Spiegelreflexkamera mit weiteren Möglichkeiten zum Experimentieren. Neben Porträts interessierte ihn Architektur: Gebäudelinien, Perspektiven und die Art, wie Geometrie ein Bild ordnen kann.
Diese Interessen kamen in einem Dachraum zusammen, den er als Atelier nutzte. Die hohe Decke und der offene Raum boten Platz für die Arbeit mit Models, Licht und dem Verhältnis zwischen Körper und Umgebung. Seine Fragen wurden konkreter: Wie nimmt ein Mensch einen Raum ein? Was verändert sich mit dem Blickwinkel, dem Licht oder der Haltung?

Langzeitbelichtungsporträts: Bewegung eine sichtbare Form geben
Mazzara beschreibt Zeit beinahe als Material. Eine Geste, die normalerweise rasch vergeht, kann sich über die Aufnahme ausbreiten. Ihn interessiert die veränderte Wahrnehmung: Die Person bleibt erkennbar, doch das Bild entspricht nicht ganz dem Moment, an den er sich erinnert.
„Durch eine Langzeitbelichtung ist die Zeit nicht mehr nur etwas, das vergeht: Sie wird fast zu einem Material, das im Bild aufgezeichnet und sichtbar gemacht werden kann.“
Sein Interesse am Surrealismus und seine Arbeit als Filmemacher fließen in diesen Ansatz ein. Im Film denkt er Zeit als Abfolge von Bildern. In einer Langzeitbelichtung versucht er dagegen, mehrere Momente auf einer einzigen Fläche zusammenzubringen. Durch Bewegung kann ein Porträt zwischen der Begegnung mit einem wirklichen Menschen und der unbeständigen Logik eines Traums schweben.

Das Porträt beginnt vor dem Auslösen
Bevor er ein Model fotografiert, nimmt sich Mazzara Zeit für ein Gespräch und das gegenseitige Kennenlernen. Er beobachtet, wie sich Haltung, Gestik und Ausdruck verändern, wenn sich die Person wohler fühlt. So erkennt er, wann er weiterarbeiten kann, wann ein Scherz die Atmosphäre lockert und wann eine Pause sinnvoll ist.
Sobald das Fotografieren beginnt, bevorzugt er eine ruhige Umgebung mit wenig Gespräch. Er bewegt sich um die Person herum und sucht unterschiedliche Beziehungen zwischen Licht, Körper und Umgebung. Im Studio kann er die Elemente selbst anordnen. Andere Innenräume oder Außenorte können dagegen die Person widerspiegeln oder einen interessanten Kontrast bilden.

Auch die Auswahl gehört zu diesem Prozess. Zwei Aufnahmen wirken zunächst vielleicht fast gleich, doch eine kleine Veränderung in Ausdruck oder Haltung kann eine davon näher an die Begegnung heranbringen. Mazzara lässt sich für diese Entscheidung Zeit. Fotografieren und Auswählen gehören für ihn zusammen.

Genug Struktur schaffen, um Überraschungen zuzulassen
Kontrolle und Freiheit auszubalancieren, gehört zu seinen zentralen Herausforderungen. Er achtet auf die Details, die ein Bild zusammenhalten. Gleichzeitig hat er erfahren, dass eine unerwartete Bewegung, ein Ausdruck oder ein Lichtwechsel es in eine interessantere Richtung führen können.
Er möchte Bedingungen schaffen, unter denen etwas entstehen kann, und dann aufmerksam genug sein, es zu erkennen. Langzeitbelichtung passt dazu: Er bereitet die Szene vor und bleibt offen für das, was Zeit und Bewegung beitragen. Das Ergebnis kann weit von seiner ursprünglichen Vorstellung wegführen.

Raum für eigene Deutungen lassen
Nach einem Foto gefragt, zu dem er immer wieder zurückkehrt, erzählt Mazzara von einer jungen Frau mit geschlossenen Augen in starkem Licht. Wichtig ist ihm, dass offenbleibt, in welchem Zustand sie sich befindet. Das Bild legt nicht fest, ob sie ruht, meditiert oder etwas anderes erlebt.
Dieses Interesse an Mehrdeutigkeit begleitet seine Arbeit mit Bewegung. Ein Bild soll auch nach dem ersten Blick weitere Fragen aufwerfen. Betrachtende bringen ihre eigenen Erinnerungen und Erfahrungen mit. Diese Reaktionen können Teil seiner Bedeutung werden.

Guardians of Time: Eine Geste bewahren
Auch in Guardians of Time spielt Zeit eine Rolle. Das Projekt beschäftigt sich mit Handwerkern und ihrer täglichen Arbeit. Im Interview beschreibt Mazzara die Suche nach einer Geste, die ein Handwerk ausdrückt: einer Bewegung, geprägt von Wissen und wiederholter Übung.
Ihn beschäftigt, was in diesen Gesten steckt und was verloren gehen könnte, wenn eine Arbeitsweise verschwindet. Licht, Kontrast und Bildaufbau sollen die Aufmerksamkeit auf die Handlung selbst lenken. Fotografie bewahrt so eine Spur des Wissens ebenso wie des Menschen, der es trägt.
Außerdem entwickelt er eine Arbeit über Behinderung und Inklusion. Er möchte Menschen in der Vielschichtigkeit ihres Alltags zeigen und ihnen Raum geben, sich spontan darzustellen. Der stärker dokumentarische Teil dieses Projekts stand zum Zeitpunkt des Interviews noch aus.
In all diesen Richtungen kommt Mazzara auf die Frage der Aufmerksamkeit zurück: Was kann ein Foto sichtbar machen – eine Bewegung, eine erlernte Geste, einen Moment zwischen zwei Menschen? Er gibt diesen Dingen Zeit, sowohl beim Fotografieren als auch bei der Entscheidung, was aus einem Bild werden soll.
Über Luca Mazzara
Luca Mazzara ist Fotograf und Filmemacher. Seine Arbeit untersucht Licht, Bewegung, Zeit und Wahrnehmung. Porträtfotografie und ein experimenteller Ansatz stehen neben Projekten über Erinnerung und visuelles Zeugnis im Mittelpunkt. Seine Fotografien und Filme findest du auf Luca Mazzaras Website.
Fragen aus dem Interview
Sind Luca Mazzaras jüngste Langzeitbelichtungen auf Film aufgenommen?
Seine jüngsten Langzeitbelichtungen sind digital. Erste Erfahrungen mit Fotografie sammelte er in der Dunkelkammer seines Vaters und mit seiner eigenen Polaroidkamera, bevor er digitale Spiegelreflexkameras nutzte.
Wie hilft er jemandem, sich bei einer Porträtsitzung wohl zu fühlen?
Er beginnt mit Gesprächen und aufmerksamer Beobachtung, achtet auf Veränderungen in Haltung und Ausdruck und macht bei Bedarf Pausen. Beim Fotografieren bevorzugt er eine ruhige Atmosphäre und lässt der Person Zeit, anzukommen.
Worum geht es in Guardians of Time?
Mazzara erkundet darin Handwerker und die Gesten ihrer täglichen Arbeit. Mit Fotos, die besonders auf das handwerkliche Tun achten, möchte er eine sichtbare Spur von Fähigkeiten und Wissen bewahren.
Weiterlesen
Eine weitere Perspektive auf bewusstes digitales Fotografieren und die Verantwortung beim Darstellen von Menschen findest du im Beitrag über Manuel Guerzoni und Präzision als Form des Respekts.
Basierend auf Luca Mazzaras schriftlichem Interview für Developing Stories. Interview und Redaktion: Emiliano Vittoriosi / Berlin Photo Studio. Fotografien © Luca Mazzara. Bildtitel, Orte und Jahresangaben entsprechen der für diesen Beitrag bereitgestellten Auswahl.