Die Fotografie hielt Ethan Allens Verbindung zum Skateboarden aufrecht, als er selbst nicht fahren konnte. In seinen frühen Teenagerjahren zwang ihn eine Knöchelverletzung zu einer Pause. Trotzdem wollte er Zeit mit seinen Freunden verbringen. Während er auf seine Genesung wartete, begann er, sie und andere Skateboarder in der Stadt zu fotografieren. Was zunächst eine Möglichkeit war, Teil dieser Welt zu bleiben, wurde zu einer eigenständigen Beschäftigung.
Skateboarden prägt seine Fotos bis heute, auch wenn kein Board zu sehen ist. Es schärfte seinen Blick für die gebaute Umgebung: für Formen, Oberflächen und Zusammenhänge, die sonst leicht unbemerkt bleiben. Diese Aufmerksamkeit verbindet inzwischen seine Architekturfotografie mit seinen Stillleben. In letzter Zeit beschäftigt ihn außerdem eine Frage: Was geschieht mit den Bildern, die nicht zu der Arbeit passen, mit der man bereits vertraut ist?

Die Stadt mit dem Blick eines Skateboarders
Allen beschreibt Skateboarder als Menschen, die ihre Umgebung besonders aufmerksam wahrnehmen. Weil sie sich anders durch die gebaute Umwelt bewegen, sehen sie sie auch anders. In seiner eigenen Arbeit entwickelte sich daraus ein Interesse an architektonischen Formen und abstrakten Ansichten.
Mit einer Kamera in der Hand wird diese Suche noch intensiver. Er achtet auf das Zusammenspiel sich kreuzender Formen, Farben und Linien und beobachtet, wie das Licht auf seine Umgebung trifft. Ein Gebäude eröffnet so viele mögliche Beziehungen innerhalb eines Bildausschnitts.
In seinen freien Arbeiten konzentriert er sich auf Architektur. Für Auftraggeber fotografiert er sowohl Architektur als auch Stillleben. Verbunden sind diese Bereiche durch seine Art des Hinsehens: Die Motive wechseln, doch das Zusammenspiel der Formen bleibt wichtig.

Zehn Jahre „Romance in Geometry“
Seine Serie Romance in Geometry bringt diesen Ansatz besonders deutlich zum Ausdruck. Seit zehn Jahren fotografiert Allen dafür architektonische Details, deren Formen, Farben und Linien sich zu neuen abstrakten Bildern verbinden. Es ist sein am längsten laufendes Projekt und prägt weiterhin, wie er andere Motive fotografiert.
Das Projekt lässt auch den Betrachtenden Raum. Allen hofft, dass seine freien Arbeiten dazu einladen, gedanklich den Möglichkeiten nachzugehen, die Formen und Details eröffnen. Das ursprüngliche Gebäude wiederzuerkennen ist nicht der einzige Zugang zu einem Foto. Auch die Beziehungen innerhalb des Bildes lassen sich für sich entdecken.

Ein langsamerer Rhythmus und die Atmosphäre eines Raums
„Ich finde, analoge Fotografie lehrt mich Geduld“, sagt Allen. Auf Film zu arbeiten hilft ihm, langsamer zu werden und bewusster darüber nachzudenken, was er fotografiert und wie er vorgehen möchte. Er beschreibt diesen Prozess als beinahe meditativ.
Damit beschreibt er, was ihm die analoge Fotografie persönlich gibt. In seinen Antworten geht es vor allem um Aufmerksamkeit und bewusstes Handeln: sich vor der Aufnahme Zeit zu nehmen und zu entscheiden, worauf es ankommt.
Diese Sorgfalt reicht über die Anordnung von Linien hinaus. Wenn er Innenräume und Architektur fotografiert, möchte er Gefühle hervorrufen, die ein Raum auslösen kann. Ihn interessieren Schwellen- und Übergangsräume und ihre emotionale Wirkung. Ein Foto kann formal präzise gestaltet sein und dennoch offenlassen, wie seine Atmosphäre empfunden wird.

Wie ein anderes Genre den Blick verändert
Ein Foto seines Freundes Tyjae beim Skateboarden in San Francisco steht für einen wichtigen Wandel. Im Hintergrund spannt sich die Golden Gate Bridge durchs Bild, während Tyjae im Vordergrund fährt. Die vertrauten tiefen Kameraperspektiven und Fischaugen-Kompositionen der klassischen Skatefotografie inspirierten Allen zunehmend weniger. Ein Blick auf andere Genres eröffnete ihm neue Möglichkeiten.
Er fragte sich, wie eine Skateaufnahme aus der Sicht eines Landschaftsfotografen oder jemandes aus einem anderen fotografischen Bereich aussehen könnte. Ein Bild könnte die Aktion und ihre Umgebung gemeinsam erfassen. Solche Anregungen für den Bildaufbau erweiterten Allens Blick und ermutigten ihn zu weiteren Experimenten.
Auch die Assistenz bei anderen Fotografen erweiterte seinen Horizont. Durch die Zusammenarbeit mit Menschen, deren Arbeit er bewunderte, lernte er die kommerzielle Stillleben- und Lifestylefotografie kennen. Er vertiefte sein Wissen über Licht und Bildgestaltung und verband es mit seinem bereits entwickelten architektonischen Ansatz.
Raum für Bilder, die nicht ins bisherige Werk passen
Inzwischen möchte Allen auch häufiger fotografieren, um Erinnerungen festzuhalten. Ihm ist bewusst, dass zwischen dem Dokumentieren und dem Erleben des Lebens ein Spannungsverhältnis besteht. Er möchte sein Leben nicht ausschließlich durch den Sucher betrachten. Doch nur mit einer klaren Absicht zu fotografieren kann seinerseits zur Einschränkung werden.
Man könne anfangen, bestimmte Bilder gar nicht mehr zu machen, erklärt er, weil man nicht wisse, wie sie ins eigene Gesamtwerk passen. Damit versperre man möglicherweise auch einen neuen Weg, bevor man ihn überhaupt entdecken konnte.
In seinen Antworten bleibt diese Frage offen. Ein langjähriges Projekt kann den Blick schärfen; Alltagsfotos können Raum für etwas schaffen, das noch kein Projekt geworden ist. Allen versucht, beiden Formen der Aufmerksamkeit einen Platz in seiner Arbeit zu geben.

Seine Geschichte gibt eine Frage für den nächsten Film mit: Machst du ein Foto nicht, weil es dich nicht interessiert – oder weil es nicht zu deinen bisherigen Bildern passt? Für Allen bleibt entscheidend, welche Möglichkeiten ein Bild eröffnet. Ob sie in einer vertrauten architektonischen Form liegen oder in einem Moment, an den er sich erinnern möchte, ist dabei zweitrangig.
Basierend auf einem schriftlichen Interview für Developing Stories, der Serie von Berlin Photo Studio über die Menschen und Erfahrungen hinter Fotografien. Interview und Redaktion: Emiliano Vittoriosi / Berlin Photo Studio. Fotos: Ethan Allen.