Nicht jedes Foto erschließt sich in dem Moment, in dem es entsteht. Bei Alejandra Quintana kommt oft zuerst die Faszination: eine Geste, ein vertrauter und doch rätselhafter Ort oder ein Detail, das sie unaufdringlich fesselt. Warum ihr etwas wichtig war, versteht sie manchmal erst viel später.
Fotografie wurde für sie zu einer wichtigen Ausdrucksform. Zugleich veränderte sie ihren Blick auf den Alltag. Sie nahm bewusster wahr, wie Licht auf einen Ort fiel, wie Menschen sich bewegten und miteinander umgingen. Ein Foto zu machen erlaubte ihr, einen Moment zu erleben und ihn gleichzeitig mit etwas Abstand zu betrachten.

Die leise Anziehung vertrauter Orte
Alejandra kehrt oft zu Szenen zurück, die ihr vertraut erscheinen, ohne dass sie sie ganz versteht. Persönliche Rituale, alltägliche Gesten und Orte, in denen Erinnerungen nachklingen, interessieren sie mehr als offensichtlich dramatische Ereignisse. Manchmal fällt ihr ein besonderes Licht auf, oder sie spürt die Bedeutung eines Ortes, ohne sie erklären zu können.

Wenn sie eine Kamera dabeihat, wird sie neugieriger auf das, was abseits ihrer gewohnten Wege liegt. Sie gibt ihr einen Anlass, umherzustreifen, unbekannte Orte zu erkunden oder Menschen anzusprechen, an denen sie sonst vorbeigehen würde. Gerade weil sie nicht weiß, was aus einer Begegnung entstehen wird, schätzt sie es, ihre Komfortzone zu verlassen.

Was von einem Projekt bleibt
Ein Projekt bleibt von besonderer Bedeutung: Sé que la de arriba no me olvida, über Santa Muerte in Mexiko. Wenn Alejandra an die Arbeit daran zurückdenkt, sind die Fotos nur ein Teil ihrer Erinnerungen. Ebenso nachdrücklich sind ihr die Menschen geblieben, denen sie begegnete, und die Erfahrungen, die sie während des Projekts machte.
Sie beschreibt das Projekt als eine ihrer prägendsten Erfahrungen. Dabei entdeckte sie auch Seiten an sich selbst, die ihr sonst vielleicht verborgen geblieben wären. Ein Fotoprojekt kann mehr hinterlassen als die ausgewählten Bilder. Für Alejandra veränderte die Arbeit auch sie selbst – die Person, die später auf diese Bilder zurückblickt.
Das Ergebnis ungewiss bleiben lassen
Die analoge Fotografie ermöglicht Alejandra ein Arbeitstempo, das sie schätzt. Ihr gefällt, dass sie das Bild nicht sofort kontrollieren kann. Diese Ungewissheit nimmt ihr etwas von dem Druck, jedes Detail richtig machen zu müssen – einem Druck, den sie beim digitalen Fotografieren stärker spürt.
Unvollkommenheiten ziehen sie an, doch entscheidend ist ihr verändertes Verhältnis zum Fotografieren selbst. Wenn sie den Anspruch auf Perfektion loslässt, fühlt sie sich der Fotografie näher. Das beschreibt, was ihr persönlich hilft. Es ist keine allgemeine Regel dafür, wie andere arbeiten sollten oder welches Medium einem Bild Bedeutung verleiht.

Das gleiche Bild, ein anderer Betrachter
Alejandra folgt oft einem Impuls, dessen Ursprung sie noch nicht kennt. Sie fühlt sich mit einem Menschen oder einer Situation verbunden, ohne bewusst an eine bestimmte Erinnerung zu denken. Erst später, beim Durchsehen ihrer Bilder, beginnt sie zu verstehen, was sie angezogen hat.
Dieser zeitliche Abstand verändert auch die Bedeutung einzelner Fotos. Ein Bild, das ihr bei der Aufnahme unscheinbar vorkam, kann Monate oder Jahre später wichtig werden. Nicht unbedingt die Datei oder der Abzug hat sich verändert, sondern ihr Leben, ihr Blick und ihr Verständnis.
„Das Foto ist genau dasselbe, aber du bist es nicht mehr.“
Das ist ein guter Grund, das eigene Archiv immer wieder anzusehen, ohne jedes Mal dieselbe Auswahl zu erwarten. Für Alejandra bedeutet ein neuer Blick nicht nur, ein früheres Urteil zu überprüfen. Er kann etwas sichtbar machen, das sie zuvor noch nicht erkennen konnte.

Einem Bild folgen, ohne eine Geschichte aufzuzwingen
Mit der Zeit wurde es Alejandra weniger wichtig, ob ein Foto technisch perfekt oder visuell beeindruckend genug ist. Heute achtet sie stärker darauf, was es in ihr auslöst. Es fällt ihr leichter, einem Impuls zu vertrauen, auch wenn sie ihn noch nicht erklären kann.
Nach einer Phase mit Schwerpunkt auf dokumentarischer Arbeit sucht sie nun einen intuitiveren Umgang mit der Kamera. Nicht jedes Bild muss zu einem klar definierten Projekt gehören oder eine vollständige Geschichte erzählen. Im Moment möchte sie dem folgen, was ihre Aufmerksamkeit weckt, und herausfinden, wohin es führt.

Diese Offenheit gilt auch für die Menschen, die ihre Fotos betrachten. Sie müssen nicht genau nachvollziehen, was sie selbst erlebt hat. Jeder Mensch bringt andere Erinnerungen und Assoziationen mit. Dass dasselbe Bild unterschiedliche Gefühle auslösen kann, ist ihr willkommen.
Wenn ein Foto jemanden zum Innehalten bringt, etwas fühlen lässt oder zu einem genaueren Blick einlädt, genügt ihr das. Seine Bedeutung darf offenbleiben. So können sowohl die Fotografin als auch die Betrachtenden später darauf zurückkommen, während sie selbst sich verändert haben.

Fragen zu Alejandras Fotografie
Was reizt Alejandra Quintana an der analogen Fotografie?
Sie schätzt das Warten auf das fertige Bild und die damit verbundene Ungewissheit. Beides hilft ihr, langsamer zu arbeiten und den Anspruch loszulassen, jedes Foto technisch perfekt machen zu müssen.
Wie prägt die Erinnerung ihre Fotografien?
Alejandra fühlt sich zu vertrauten Orten, Gesten und persönlichen Ritualen hingezogen. Oft versteht sie erst im Rückblick, warum. Sie erlebt, dass sich die Bedeutung eines Fotos verändert, wenn neue Erfahrungen hinzukommen.
Muss jedes Foto zu einem Projekt gehören?
Für Alejandra nicht. Nach einer Phase mit Schwerpunkt auf dokumentarischer Arbeit verfolgt sie einen intuitiveren Ansatz: Sie lässt sich von dem leiten, was ihre Aufmerksamkeit weckt, ohne von jedem Bild eine vollständige Geschichte zu verlangen.
Basierend auf einem schriftlichen Interview für Developing Stories, der Serie von Berlin Photo Studio über die Menschen und Erfahrungen hinter Fotografien. Interview und Redaktion: Emiliano Vittoriosi / Berlin Photo Studio.